2. Lichtenbergs Wohnhaus

Das Haus in der Göttinger Gotmarstraße 1 trägt heute den Namen „Künstlerhaus im Lichtenberghaus“ und wird seit 1976 von Ausstellungs- und Atelierräumen des Vereins „Künstlerhaus mit Galerie in Göttingen e.V.“ belegt.

Der Name „Lichtenberghaus“ lässt sich auf die langjährige Wohnzeit des Göttinger Professors Georg Christoph Lichtenberg zurückführen. An keinem anderen Ort in Göttingen lebte, lehrte und forschte der Experimentalphysiker so lange wie in diesen Räumen. Gleich nach seiner zweiten, prägenden Englandreise Anfang des Jahres 1776 bezog Lichtenberg sein erstes Zimmer im Haus seines Vertrauten Johann Christian Dieterich; der Verleger stammte aus Gotha und lebte seit 1765 in der Stadt Göttingen (Wellenreuther, Manufakturstadt, S. 18). Zu Lichtenbergs Lebzeiten wurde das 1742 erbaute Gebäude in Göttingen noch nach dem Vorbesitzer Ludwig Schmahle „Schmahles Laden“ genannt und Dieterich erweiterte es durch den Zukauf angrenzender Räumlichkeiten nach und nach zu einem großen Stadthaus. Der Verleger Dieterich eröffnete bereits 1760 eine Buchhandlung in der Universitätsstadt Göttingen und ergänzte diese 1770 durch eine Druckerei. Für den bisherigen städtischen Universitätsbuchdrucker Vandenhoeck stellte Dieterich bald eine ernsthafte Konkurrenz dar, denn er suchte wichtige geschäftliche und private Beziehungen in der Universitätsstadt und Lichtenberg blieb nicht Dieterichs einziger Freund unter den Göttinger Professoren (Wellenreuther, Manufakturstadt, S. 18). Seit 1776 bewohnte Dieterich selbst mit seiner Familie das schon einige Jahre zuvor gemietete Haus in der Gotmarstraße, in dem auch der Verlag untergebracht war. Er bot seinem Freund Lichtenberg ebenfalls eigene Räumlichkeiten dort an. Der Professor konnte hier für den Verleger als Herausgeber des Göttinger Taschen-Calenders arbeiten und im Gegenzug kostenfrei wohnen. Dieser Kalender enthielt verschiedene Illustrationen und Kupferstiche die Lichtenberg sammelte, kommentierte und mit eigenen Anekdoten ergänzte und von Dieterich alljährlich bis zu Lichtenbergs Tod unter dem Titel „Taschenbuch zum Nutzen und Vergnügen nebst Göttinger Taschen-Calender“ vertrieben wurde. Weitere Bewohner des Hauses in der Gotmarstraße 1 waren zeitweise drei englische Prinzen und andere wohlhabende Studenten mit ihren Angestellten, sowie einige Hausangestellte in einem ebenfalls zum Wohnhaus zählenden Gartenhaus. Ungefähr 50 Menschen sollen zwischenzeitlich das Dieterichsche Wohnhaus geteilt haben.

Lichtenberg erhielt von Dieterich zusätzliche Räumlichkeiten für seine Familie, seine Vorlesungen und Experimente. Er tauschte mit der Familie Dieterich bereits im Jahr 1777 die Wohnungen, da er mehr Platz für seine Forschung benötigte. Von nun an lebte er im 2. Stock des angrenzenden Gebäudes in der Prinzenstraße 2 und sollte seinen Wohnort bis zu seinem Tod nicht mehr wechseln.

In diesem Gebäude lagen nicht nur die Privaträume des Gelehrten und seiner Familie, sondern auch der Unterrichtsraum für seine Studenten. Wie zu Lichtenbergs Lebzeiten üblich, besuchten die Studenten die Vorlesungen ihrer Professoren nicht wie heute in universitätseigenen Hörsälen, sondern bei ihnen Zuhause, in ihren privaten Wohnungen. Über einhundert Studenten sollen es manchmal gewesen sein, die seinen Vorlesungen zuhören wollten (Im Mai 1799 zählte die Georgia-Augusta 693 eingeschriebene Studenten (Promies, Lichtenberg,Reinbeck 1992, S.151.)).

Das Lichtenberghaus in der Gotmarstraße 1 symbolisiert für uns heute nicht nur den Gelehrten Georg Christoph Lichtenberg, sondern ebenso die Privatperson. Das Leben in Göttingen bedeutete für Lichtenberg immer auch ein Leben in einem gesellschaftlichen Zwiespalt. Umgeben von Studenten aus höheren Häusern, mit adeliger und/oder wohlhabender Herkunft, lebte der Gelehrte gleichzeitig mit und von seinen Studenten. Im 18. Jahrhundert finanzierten die Universitätsprofessoren ihr Einkommen maßgeblich über die Hörgelder ihrer Studenten. Die Studenten konnten bestimmte öffentliche Vorlesungen kostenfrei besuchen, jedoch wurden die wichtigen, entscheidenden Inhalte in den Privatvorlesungen bei den Gelehrten zuhause vermittelt. Hierbei gab es sogar manches Mal unterschiedliche Preise für die unterschiedlichen Plätze im Raum und jeder Student musste bei seinem Professor eine Sitzkarte erwerben.

Die Vorlesungen Lichtenbergs erfreuten sich nach und nach immer größerer Beliebtheit, da es dort viele Experimente zu bestaunen gab. Über 800 seiner experimentellen Vorführungen soll Lichtenberg in seiner Lehrzeit vor seinen Studenten gezeigt haben (Dyckerhoff, Collegium, S. 9). Die Beschreibungen zu seinen Studenten sind selten positiv, enthalten gelegentlich eine Spur Frustration oder Unverständnis, vor allem aber viel Hohn und Spott über ihre Naivität den eigenen Privilegien gegenüber. In seinen „Betrachtungen für Junge Gelehrte“ schreibt er beispielsweise:

„Sechs ganze Jahre habe ich bei gesunder Vernunft auf einer berühmten Universität zugebracht, ich habe die ersten Schritte von mehr als hundert jungen Leuten gemessen, auf die man vorzüglich sah, unter diesen, ich wette wohl hundert gegen eins, werden keine zwei, vielleicht keiner den gelehrten Fond unseres Vaterlandes um einen Groschen bereichern. Ihre große Belesenheit und ihre vielfachen Bemühungen spitzen sich gemeiniglich am Ende in ein paar Liedchen, oder in eine Übersetzung zu, woran Deutschland nichts liegen kann und liegt und dann ist es ein Glück für den Staat, der um einen Kopf ärmer ist, wenn er noch die beiden Hände brauchen kann.“ (Lichtenberg, Betrachtungen für junge Gelehrte, in: Schriften und Briefe, München 1972, S. 508)

Sicherlich fielen nicht all seine Urteile über seine Studenten derart resigniert aus, dennoch muss es eine widersprüchliche Situation für Lichtenberg gewesen sein, mit vielen wohlhabenden Studenten und ihrem Hofstaat ein Wohnhaus zu teilen, während er sich kritische Gedanken zu den Absurditäten des gesellschaftlichen Zusammenlebens in der Universitätsstadt machte. Zudem beeinträchtigte eine Wirbelsäulenverkrümmung des Rückgrats das Leben des Professors maßgeblich. Er selbst beschreibt seine Tätigkeiten meist als melancholisch, er verbrachte viel Zeit in seinen Privaträumen, trank viel und gerne Wein, beobachtete das Straßenleben und machte Aufzeichnungen über seine Gedanken. In einem Selbstporträt schreibt Lichtenberg über seine Person:

„Seine Einbildungskraft, seine treuste Gefährtin verläßt ihn als dann nie, er steht hinter dem Fenster den Kopf zwischen die zwo Hände gestützt, und wenn der Vorbeigehende nichts als den melancholischen Kopfhenker sieht, so tut er sich oft das stille Bekenntnis, daß er im Vergnügen wieder ausgeschweift hat.“
(http://www.lichtenberg-gesellschaft.de/leben/l_leb_goe_licht.html)

Er begegnet uns hier als Wissenschaftler, der auf seinem Balkon bedeutende Experimente der Elektrizität, mitten in der Göttinger Stadt durchführte, seinen Studenten wichtige Erkenntnisse vermittelte, die Göttinger Taschen-Calender als humorvoller Autor und scharfer Gesellschaftsanalytiker herausgab und dennoch oft in seiner privaten Kammer mit einer Flasche Wein die Welt von Ferne beobachtete. Das Lichtenberghaus in Göttingen ist somit ein symbolträchtiger Ort für das Leben des Physikers und Philosophen G. C. Lichtenberg.

Autorin: Wiebke Gitta Hüseman
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Quellen- und Literaturverzeichnis