5. Lichtenberg und England

Betrachten wir das Leben von Georg Christoph Lichtenberg, so darf seine Beziehung zu England nicht fehlen. Das Land stellte für Lichtenberg einen wichtigen und neuen Einflussfaktor dar.

Das Ansehen und der Reiz Englands verstärkten sich in Deutschland gegen Ende des 18. Jahrhunderts maßgeblich. Die sogenannte Anglophilie, also die Liebe für alles Englische, trat im 18. Jahrhundert in mehreren europäischen Ländern in Erscheinung, wobei sie sich in Deutschland besonders großer Verbreitung erfreute. Die Reformation hatte die beiden Länder einander näher gebracht und das ebenfalls protestantische England bildete in Deutschland einen reizvollen, neuen Einfluss gegenüber dem langjährigen Kulturvorbild Frankreich. Die politische Ordnung und die Eindrücke aus der englischen Kunst und Wissenschaft galten als vorbildlich und stellten ein Symbol der Freiheit des Denkens dar. Insbesondere von der Stadt Hamburg ausgehend, verbreitete sich der englischen Einfluss im ganzen Reich. Großbritannien war seit 1714 mit dem Kurfürstentum in Personalunion verbunden. Die dortige Landesuniversität Göttingen, 1734 durch den damaligen britischen König Georg II., der zugleich Kurfürst Georg August war, entwickelte sich zu einem „Hauptort der Anglophilie in Deutschland“ (Maurer, Anglophilie, Abs. 7).

Auch den Professor Georg Christoph Lichtenberg faszinierte der in Göttingen wachsende Einfluss Englands. Die ersten Kontakte erhielt der junge Gelehrte durch die Betreuung einiger englischer Studenten in Göttingen während der Jahre 1767/68. Seine erste eigene Reise trat Lichtenberg am 25. März 1770 an. Hierbei begab er sich von Göttingen, über die Niederlande, nach Großbritannien. Schon der Weg schenkte ihm schöne Erfahrungen, wie die Liebe zu der Handelsstadt Den Haag, und weniger schöne Erfahrungen, wie die Erkenntnis, dass der junge Professor an starker Seekrankheit litt.

Bei seiner Ankunft im April 1770 wurde er sogleich mit König Georg III. bekanntgemacht und die gemeinsame Faszination für die Astronomie legte den Grundstein für eine langjährige Verbundenheit der beiden. Lichtenberg beschreibt diesen Tag in seinen eigenen Aufzeichnungen als den „glücklichsten Tag meines Lebens“ (Fahrenberg, Lichtenberg lacht, S. 62). Bei seiner zweiten, deutlich längeren Reise vom August 1774 bis Silvester 1775/76 sollte sich diese Beziehung vertiefen. In seinen Briefen und nach seiner Abreise aus England betitelte er Georg III. und seine Gemahlin selbst in seinen privaten Schriften weiterhin als „mein König“ und „meine Königin“ (Wellenreuther, England, S. 218).

George_III_in_Coronation_Robes_RECHTE KLÄREN
Georg III. in seinem Krönungsornat, porträtiert von Allan Ramsay, etwa 1761 bis 1762. (Bild: wikimedia commons – public domain)

Der besondere Einfluss, den England auf Lichtenberg ausübte, scheint maßgeblich bestimmt von dem Kontrast, den sein dortiges Leben zu seinem Alltag in Göttingen bildete. Lichtenbergs London – als Symbol für die Freiheit der Kunst, Sexualität und Kultur – steht im starken Gegensatz zu Göttingen, als Ort der Wissenschaft, des Provinziellen und seiner sozialen Rolle als Gelehrter in der Stadt. Es ist jedoch zu bedenken, dass wir in Lichtenbergs Briefen und persönlichen, zu Lebzeiten unveröffentlichten Gedankensammlungen, seinen sogenannten Sudelbüchern, gravierende Unterschiede seiner Englandrezeption erkennen können. Widmete er sich in seinen Briefen maßgeblich den gesellschaftlichen Beobachtungen, dem alltäglichen Treiben und besonderen Begegnungen, so notierte er sich in seinen Sudelbüchern Gedanken zu anderen Thematiken. Die aktuelle politische Situation Englands zur Zeit der Konflikte mit den Kolonisten in Amerika und das Handeln Georgs III. erörtert Georg Christoph Lichtenberg nur für sich, in seinen Sudelbüchern. Nach einer Debatte im Oberhaus am 7. Februar 1775, der Lichtenberg mithilfe seines Freundes Lord Boston beiwohnen konnte, ist das Interesse des jungen Professors an den Streitfragen um die Interpretation der englischen Verfassung geweckt. Während Lichtenberg dies in seinen Briefen nur beiläufig erwähnte, vermitteln die privaten Aufzeichnungen seiner Sudelbücher eine starke Teilnahme an der Problematik. In diesen Dokumenten findet sich zudem Kritik an „seinem König“ und es zeigt sich ein scharf beobachtender Lichtenberg, unabhängig von seiner sonst ausgeprägten Anglophilie (Wellenreuther, England, S. 224).

Im Gegensatz zu seinen Aufzeichnungen in Göttingen, scheinen seine wissenschaftliche Neugierde und Experimentierfreude in England eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben. Besonders in der Großstadt London stehen bei Lichtenberg die Faszination des Geschäftigen, des sozialen Umganges und der Kunst (verdeutlicht durch die Welt des Theaters) im Vordergrund. Als eine der beeindruckendsten Personen sei hier der Schauspieler David Garrick genannt, dem Lichtenberg viele Notizen, Lob und Kritik in seinen Briefen widmet. Kaum eine andere Person faszinierte den Professor während seines Aufenthaltes so sehr wie dieser Künstler der Londoner Theaterszene, der für seine ausdrucksstarke Mimik und Leidenschaft auf der Bühne bekannt war.

Nicht nur die Manieren und Höflichkeiten, auch die Mode und insbesondere die Rolle der Frauen beschreibt der Gelehrte oftmals in Abgrenzung und im Vergleich zu seinem vertrauten Umfeld in Göttingen. Dies erklärt, weshalb eine der wohl prägendsten Personen für Lichtenberg der britische Maler William Hogarth werden sollte. Die Banalitäten des gesellschaftlichen Lebens und auch dessen subtile Brüche, die der Künstler in seinen Werken darstellte, trafen auf Lichtenbergs Humor und Weltsicht. Lichtenbergs spätere Kommentierung der Hogarthschen Kupferstiche im „Göttinger Taschen-Calender“ und die erweiterte Ausgabe von 1794 „Ausführliche Erklärung der Hogarthschen Kupferstiche“ sind bis heute seine bekanntesten Werke.

Die besondere Beziehung, die Lichtenberg zu den Werken Hogarths aufbaute, verdeutlicht den inneren Konflikt, den er selbst mit London und Göttingen austrug. Zwar faszinierte ihn die Großstadt und das Leben dort – er selbst schreibt, dass er das von ihm sogenannte Englische liebte, in Höflichkeit und Umgang – dennoch waren die Aufenthalte in England immer eine Ausnahmesituation. Lichtenberg agierte dort in einer Welt, die ihm in Göttingen nicht gegeben war. In England lebte er von und über seine Kontakte. Seine Verbundenheit zu Georg III. ermöglichte ihm eine vornehme Unterkunft, herrschaftliche Kontakte und die Freiheit, losgelöst seines Standes an dem kulturellen Leben Londons teilzunehmen. In Göttingen dagegen pflegte er eine andere Alltagsrealität. Sein sozialer Stand und seine finanziellen Mittel an seinem Lebensort bedingten ein Leben in relativ einfachen Verhältnissen. Aus dieser Position heraus betrachtete Lichtenberg die sozialen Strukturen des Hochschulwesens – das Leben in einer Universitätsstadt – von einem ähnlichen Standpunkt wie Hogarth und findet sich in dessen Betrachtungsweise wieder. Somit ist es verständlich, dass besonders die Illustrationen dieses Künstlers ihren Weg in Lichtenbergs Göttinger Leben finden konnten.

Verfolgt man Georg Christoph Lichtenbergs Spuren in Göttingen, so begegnet einem der englische Einfluss in vielen verschiedenen Bereichen seines Lebens. Am erheiterndsten zeigt sich dies vielleicht an seinem, für einen niedersächsischen Professor, doch sehr schwarzen Humor, der in dem auch heute noch vertriebenen „Göttinger Taschen-Calender“ besonders charmant zum Vorschein kommt.

Autorin: Wiebke Gitta Hüseman

Seitenanfang


Quellen- und Literaturverzeichnis

  • Fahrenberg, W. P.; van Gelderen, Martin: Lichtenberg lacht. Aufklärung und Satire, Göttingen 2015.
  • Maurer, Michael, Anglophilie, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2010-12-03. URL: http://www.ieg-ego.eu/maurerm-2010-de URN: urn:nbn:de:0159-20100921598 (Zugriff:06.04.2017).
  • Promies, Wolfgang: Georg Christoph Lichtenberg / mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek 1992.
  • Wellenreuther, Hermann, Lichtenberg und England, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte: Neue Folge der Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen. Göttingen 1994 (Bd. 66), S. 215-232.
  • http://www.lichtenberg-gesellschaft.de/leben/l_leb_chro_03.html#chro1774 (Zugriff:06.04.2017)
  • http://www.luise-berlin.de/lesezei/blz00_04/text24.htm (Zugriff 06.04.2017)