3. Die Universität Göttingen

Inhalt:

Zeichnet man das Leben Georg Christoph Lichtenbergs nach, so kommt man gewiss nicht daran vorbei, einen der zentralen Orte seines wissenschaftlichen Wirkens zu betrachten – die Universität. Nicht nur Lichtenberg war bedeutend für Göttingen – auch die Stadt Göttingen, und die Universität, mit ihrem besonderen Konzept eines modernen Lehrbetriebs, beeinflussten das Wirken und den Werdegang Lichtenbergs.

Kollegienhaus der alten Universität Göttingen
Das Kollegienhaus der alten Universität Göttingen. (Bild: Städtisches Museum Göttingen)

Die Universität Göttingen zu ihrer Gründungszeit

Die Georg-August-Universität wurde 1737 offiziell eröffnet. Die Planer bemühten sich vor allem um eine klar geregelte Verfassung: Durch rechtliche Sicherheit sollte Kompetenzgerangel vermieden werden, Verwaltung und Leitung wurden zentralisiert, und in die Hände eines sog. Kurators übergeben. Der erste Kurator der Universität war Gerlach Adolph Freiherr von Münchhausen (1688-1770), der sich als besonderer Förderer der Universität hervorgetan hat. Nicht nur rechtliche, auch finanzielle Sicherheit sollte den Lehrbetrieb in Göttingen stützen. So waren die Grundgehälter an der Georgia Augusta vergleichsweise hoch, und wurden regelmäßig ausgezahlt – ein Novum zu dieser Zeit.

Adolph Freiherr von Münchhausen
Adolph Freiherr von Münchhausen (Bild: wikimedia commons, public domain).

Außerdem sollte die Effizienz des Lehrsystems erheblich gesteigert werden. Grundsätzlich wurde den Dozenten Lehrfreiheit zugestanden, sofern sie die entsprechende Kompetenz für die unterrichtete Materie mitbrachten. Unter anderem sollte durch größere studentische Freiheiten bei der Wahl der Kurse Konkurrenz unter den Professoren, und somit ein Anreiz zur Verbesserung ihrer Lehre, geschaffen werden.

Erst nach und nach gelang jedoch die Anwerbung namhafter Dozenten. Göttingen wollte sich gegenüber anderen territorialstaatlichen Universitäten als modern profilieren – in der Hoffnung, dass nicht nur finanzkräftige, also meist adelige Studenten („Adelsuniversität“), und somit potentielle Staatsdiener im Kurfürstentum Hannover gehalten wurden; sondern auch, dass es junge Männer und namhafte Dozenten aus anderen Territorien nach Göttingen ziehen würde.

Die Hauptakteure: Professoren und Studenten

Die Hauptakteure des wissenschaftlichen Universitätsalltags waren die Dozenten und Studenten. Die Professoren waren für die Ausbildung und Erziehung der Studenten zuständig. Die Dozenten hielten (zumeist öffentliche) Vorlesungen (einen bloßen mündlichen Vortrag), und organisierten meist im kleinen Kreis abgehaltene sog. Kollegien (Vorträge mit freiem kommunikativem Austausch). Im Kolleg fand die eigentliche wissenschaftliche Akzentuierung statt.

Räumlich waren die Universitäten zunächst dezentral organisiert. So gab es keine allgemeinen Hörsäle, wie es heute üblich ist. In den Professorenhäusern waren alle nötigen Zimmer vorhanden – hier vereinigten sich Vorlesungssaal, Studierzimmer und Wohnraum auf eine eigentümliche Art und Weise. Nicht wenige Dozenten besserten ihr Gehalt damit auf, Studenten Kost und Logis zu bieten.

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Die Universitätsbibliothek Göttingen im Jahr 1747. (Bild: Stadtarchiv Göttingen)

In der Frühen Neuzeit besuchte nicht einmal jeder Tausendste eine Hochschule. Ein Student musste nicht nur Kost und Logis bestreiten, auch die Teilnahme am allgemeinen Lehrbetrieb kostete Geld. Diejenigen, die es nicht aufbringen konnten, bekamen Unterstützung. Trotz der grundsätzlichen Idee eines einheitlichen Universitätstandes war die Studentenschaft durch Hierarchien bestimmt, die nicht nur an das Alter bzw. Studienjahr gebunden sein konnten, sondern auch an die ursprüngliche Herkunft des Einzelnen und das gewählte Fach. Es lassen sich gewisse Tendenzen bei der Fächerwahl ablesen: Die, die aus vergleichsweise ärmeren Verhältnissen stammten, studierten Theologie, Wohlhabendere belegten eher Kurse in den Rechtswissenschaften.

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Zeichnung einer Fechtübung aus einem studentischen Stammbuch, 1773. (Bild: Stadtarchiv Göttingen)

Viele der jungen Männer waren zu Beginn ihres Studiums noch minderjährig – vielleicht auch deshalb zeugen viele Berichte dieser Zeit von dem jugendlichen Übermut, mit dem die Heranwachsenden durch die Städte gezogen sind, sowie von den zahlreichen Konflikten mit der Bevölkerung.

Kupferstich von Johann Georg Puschner: „Der raufende Student“ (Bild: wikimedia commons, public domain, {{PD-US}}

Das Universitätswesen der Frühen Neuzeit ist kaum mit der „modernen Universität“ von heute vergleichbar. Den Universitäten und ihren Angehörigen wurde ein unglaubliches Maß von Autonomie zugestanden. War ein Student erst einmal immatrikuliert oder ein Professor berufen, wurden sie aus dem rechtlichen Kontext der Stadt bzw. des Territoriums, in dem die Universität lag, herausgelöst und somit Teil des autonomen Rechtsraums Universität. Dies galt sogar für die Familie des Professors und die Bediensteten der Universität (die sog. Universitätsverwandten). Hatte sich bspw. ein Student auf einer „wochenendlichen Sause“ in der angrenzenden Stadt etwas zu Schulden kommen lassen, oblag es der universitätseigenen akademischen Gerichtsbarkeit (zumeist bestehend aus Professoren), nicht der der Stadt, diesen Verstoß zu ahnden. Auch konnte keiner der Universitätsangehörigen zum Militärdienst verpflichtet werden – das Individuum war dem Zugriff durch die landesherrliche Obrigkeit vollkommen entzogen.

Die Stadt Göttingen zur Gründungszeit der Universität

Der „Zustand“ Göttingens zur Gründungszeit der Universität lässt sich vor allem durch zwei Schlagworte beschreiben: Ländlich und provinziell. Die nötige Infrastruktur zur Versorgung hunderter Studenten musste erst geschaffen werden. Strömten zu Anfang „nur“ 300-400 junge Männer in die Stadt (Von Maercker 1979, S. 142), waren es Ende des 18. Jahrhunderts bereits 947 Studenten (Von Maercker 1979, S. 143), im Laufe des 19. Jahrhunderts gingen die Zahlen allerdings auf um die 600 zurück (Von Maercker 1979, S. 146). Neben den Professoren und anderen Universitätsangehörigen galt es also, eine beachtliche Anzahl an jungen Menschen mit Wohnraum, Kleidung und Essen zu versorgen. Es ist nicht zu vernachlässigen, welch außerordentlichen Wirtschaftsfaktor eine Universität für die Städte darstellte. Göttingen zeigt eindrücklich, wie sich eine Ackerbürgerstadt durch die Gründung einer Universität verändern kann. So sprossen unter anderem nicht nur Wirtshäuser aus dem Boden, auch eine Universitätsdruckerei entstand.

Stadtansicht von Göttingen aus dem Südosten (1735)
Stadtansicht von Göttingen aus dem Südosten (1735) (Bild: wikimedia commons, public domain {{PD-US}}).

 Die Universität Göttingen mit und um Lichtenberg

Georg Christoph Lichtenberg kam als junger Mann an eine Universität, die für damalige Verhältnisse als hochmodern zu bezeichnen ist – und in eine Kleinstadt, die dabei war, sich rasant zu entwickeln. Im Mai 1763 immatrikulierte er sich in Göttingen und studierte dort bis 1767. Bereits in dieser Zeit erhielt Lichtenberg einen Ruf an die Universität Gießen. Er zog es jedoch vor in Göttingen zu bleiben, weil ihm dort die Möglichkeiten naturwissenschaftlichen Arbeitens besser erschienen. Im Juni 1770 folgte auf Empfehlung des Gründungskurators Münchhausen seine Ernennung zum außerordentlichen Professor der philosophischen Fakultät. Im Januar 1775 dann wurde er zum ordentlichen Professor ernannt und entschloss sich endgültig, in Göttingen sesshaft zu werden. Von einigen Reisen abgesehen, lehrte er bis zu seinem Tod 1799 dort Astronomie, Mathematik und Physik. Besonders seine Vorlesungen zur Experimentalphysik erfreuten sich großer Beliebtheit. Dennoch stieg Lichtenberg nie wesentlich in der Universitätshierarchie auf.

Der allgemeine Lehrbetrieb und das Wissenschaftsverständnis Lichtenbergs

Die finanzielle Sicherheit Lichtenbergs war eng an die Resonanz der Studenten auf seine Vorlesungen gebunden, denn jeder einzelne Student zahlte, je nach dem, wie wohlhabend er war, im Voraus einen bestimmten Betrag an die Professoren. Die Kosten für den Besuch einer Vorlesung an der Philosophischen Fakultät (bei 5-6 Wochenstunden) beliefen sich auf 5 Taler pro Semester, medizinische Praktika und juristische Vorlesungen waren teurer (Gamauf 2008, S. XVII f.). So brauchte ein Professor im Semester 50-100 zahlende Hörer, um angemessen finanziell abgesichert zu sein (Gamauf 2008, S. XVIII). Waren die Veranstaltungen gut besucht, konnten die Dozenten ihre Gehälter nicht unwesentlich aufbessern. Dies bedeutete aber auch, dass ein Extraverdienst entfiel, wenn eine Vorlesung nicht gehalten wurde. Lichtenberg war aufgrund seiner schlechten Gesundheit mitunter gezwungen, Veranstaltungen abzusagen. Obgleich sein Leben stets von materiellen und gesundheitlichen Unsicherheiten geprägt war, war er dennoch einer der Professoren, die ärmeren Studenten häufig Gratisbesuche seiner Vorlesungen und Kollegien erlaubten.

Mit der Zeit entwickelten sich die Hauptkollegien zur Experimentalphysik, Astronomie und physischer Geografie zu Lichtenbergs Haupteinnahmequellen. Nicht selten zogen sie fast ein Viertel sämtlicher Göttinger Studenten an. Lichtenbergs Vortragsstil wird zwar von den meisten Zeitzeugen als eher hölzern beschrieben, doch verstand er es wohl, seine Veranstaltungen humorvoll und mit bis zu 600 spektakulären wissenschaftlichen Versuchen pro Semester entsprechend attraktiv zu gestalten (Gamauf 2008, S. XXV). Lichtenbergs Vorlesungssaal war, im Gegensatz zum heute üblichen Platz mit Ausklapptisch, grade mal mit einigen Bänken zum Sitzen ausgestattet. Die Plätze waren durchnummeriert, und jeder Student erhielt eine entsprechende Hörerkarte. Unter seinen Zuhörern waren berühmte Wissenschaftler wie – um nur einige zu nennen – Alexander (1769-1859) und Wilhelm von Humboldt (1767-1835), sowie Carl Friedrich Gauß (1777-1855).

Ein Blick in eine von Lichtenbergs zahlreichen Schriften, Dienbare Betrachtungen für junge Gelehrte in Deutschland, hauptsächlich an den Universitäten, offenbart seine Haltung zur Universität und Gelehrtheit: So wird der zukünftige Wissenschaftler dazu angehalten, jede Art von Erkenntnis stets an die eigene Erfahrung rückzubinden. Man dürfe nie die Fähigkeit zu zweifeln oder Aussagen kritisch zu hinterfragen vernachlässigen, auch gegenüber seinen Lehrern. Lichtenberg ist weniger wegen seiner naturwissenschaftlichen Forschung, als durch seine Aphorismen bekannt geworden. Mit der kritischen Grundeinstellung und seinen breit gefächerten Interessen stellt er einen typischen Gelehrten der Aufklärung dar.

Autorin: Miriam Ristau

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Quellen- und Literaturverzeichnis

  • Asche, Mathias/ Gerber, Stefan: Neuzeitliche Universitätsgeschichte in Deutschland. Entwicklungslinien und Forschungsfelder, in: Archiv für Kulturgeschichte 90 (2008), S. 159-201.
  • Brüdermann, Stefan: Georg Christoph Lichtenberg im Göttinger Professorenalltag, in: Aufgebauer, Peter/ van den Heuvel, Christine (Hrsg.): Herrschaftspraxis und soziale Ordnungen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, Hannover 2006, S. 449-461.
  • Ders.: Studenten als Einwohner der Universitätsstadt Helmstedt, in: Braunschweigisches Jahrbuch für Landesgeschichte 81 (2001), S. 9-27.
  • Füssel, Marian: Die zwei Körper des Professors. Zur Geschichte des akademischen Habitus in der Frühen Neuzeit, in: Carl, Horst/ Lenger, Friedrich (Hrsg.): Universalität in der Provinz. Die vormoderne Landesuniversität Gießen zwischen korporativer Autonomie, staatlicher Abhängigkeit und gelehrten Lebenswelt, Darmstadt 2009, S. 209-232.
  • Gamauf, Gottlieb: Erinnerungen aus Lichtenbergs Vorlesungen. Die Nachschrift eines Hörers, Gesammelte Schriften Georg Christoph Lichtenberg Bd. 2, Göttingen 2008. Online: http://lichtenberg.adw-goe.de/seiten/view/243475#seiten/view/243476.ajax (abgerufen am 29.08.2016).
  • Lichtenberg, Georg Christoph: Dienbare Betrachtungen für junge Gelehrte in Deutschland, hauptsächlich an den Universitäten, in: Promies, Wolfgang (Hrsg.): Georg Christoph Lichtenberg. Schriften und Briefe, Bd. 3, München 1972, S. 508-514.
  • Paletschek, Sylvia: Stand und Perspektiven der neueren Universitätsgeschichte, in: NTM Zeitschrift für Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin 19 (2011), S. 169-189.
  • Proß, Wolfgang/ Priesner, Claus: Lichterberg, Georg Christoph, in: Neue deutsche Biografie 14 (1985), S. 449-464.
  • Saada, Anne: Die Universität Göttingen. Traditionen und Innovationen gelehrter Praktiken, in: Bödecker, Hans Erich/ Büttgen, Philippe/ Espagne, Michel (Hrsg.): Die Wissenschaft vom Menschen in Göttingen um 1800. Wissenschaftliche Praktiken, institutionelle Geographie, europäische Netzwerke, Göttingen 2008, S. 23-46.
  • Von Maercker, Dietrich: Die Zahlen der Studierenden an der Georg-August-Universität in Göttingen von 1734/37 bis 1978, in: Göttinger Jahrbuch 27 (1979), S.141-158.
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