4. Die Physiognomie-Debatte

Dem Gegenüber ansehen zu können, was es für ein Mensch ist, wäre wohl für jeden in vielerlei Hinsicht eine große Erleichterung. Man müsste weder herausfinden, dass sich hinter einer großen Liebe ein gemeiner Geizhals verbirgt, noch dass sich hinter einem netten Jungen der nächste Mörder versteckt. Die Attraktivität einer solchen Schlussfolgerung vom Äußeren zum Inneren eines Menschen war jedoch nicht nur ein hypothetischer Wunsch, sondern sie manifestiert sich immer wieder im individuellen und kollektiven Denken der Menschen (Schmölders, Vorurteil, S. 10-19).

Bereits seit der Antike sind physiognomische Lehrbücher und Beobachtungen überliefert, doch in der Frühen Neuzeit erhielt die Bewegung nochmals einen neuen Aufschwung (Schmölders, Vorurteil, S. 21-29).

Das Bedürfnis, den Menschen auf einfache Deutungsmuster und Schemata zu reduzieren, erwuchs zu einem großen Teil  auch aus der Überforderung der Gesellschaft mit den Individualisierungsprozessen im 18. Jahrhundert. Die soziale Binnendifferenzierung und die Stellungen der Individuen veränderten sich massiv, sodass eine simple und anwendbare Methode Menschen zu bewerten, begrüßt wurde (Käuser, Physiognomik, S. 4-17).

Die Verwissenschaftlichung einer solchen Denkweise strebte am Ende des 18. Jahrhunderts der Schweizer reformierte Pfarrer Johann Gottlieb Lavater an. In seinen fünfbändigen Physiognomischen Fragmenten versuchte er zwischen den Jahren 1775 und 1778 seine Lehre der sogenannten Physiognomik zu legitimieren und zum allgemeinen Gebrauch bereitzustellen. Vom altgriechischen physis und gnome, ergo Gestalt und Erkenntnis abgeleitet, bezeichnet die Physiognomik seit der griechischen Antike die Lehre, von der Gestalt eines Menschen Erkenntnisse über sein Wesen und seine Gefühle zu erlangen (Geitner, Klartext, S. 357).

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Lichtenbergs publizistischer Gegner: Johann Gottlieb Lavater. (Bild: Städtisches Museum Göttingen)

Lavater versuchte nachzuweisen, dass ein krummnasiger und schiefmündiger Mensch wohl keine gute Partie abgeben würde, oder dass ein flachstirniger und spitzlippiger Geselle Potenzial zum Mörder hätte. Wünsche, die oben als anthropologische Grundkonstante identifiziert wurden, konnten mit Hilfe von Lavaters Lehre befriedigt werden, sodass sie von den Zeitgenossen, unter anderem auch Johann Wolfgang von Goethe, teilweise sehr breit und dankend rezipiert wurde (Bohde, physiognomische Wissenschaft S. 147f.).

Bereits der Buchdeckel des ersten Bandes der Lavaterschen Abhandlung Von der Physiognomik gibt einen sehr tiefen Einblick in das Selbstverständnis der eigenen Lehren; ein junger Knabe im Kleinkindalter betrachtet sich im Spiegel und liest dabei ein Buch, während er in einer idyllischen Naturlandschaft sitzt. Unschuld, Natürlichkeit, Abbildbarkeit der menschlichen Eigenschaften werden auf Leseerfahrung projiziert.

Auf den ersten Seiten entwirft Lavater das Narrativ einer Lehre, die in gewisser Weise absolut und theoretisch vollkommen durchdacht ist. Sie allein vermag es, so der Verfasser, physische und psychische Eigenschaften richtig zu beurteilen und zusammenzuführen. Alle verschiedenen Aspekte der Individuen schaffe es die Physiognomik innerhalb eines einzigen Urteils zu bündeln; so spricht er sogar von der „transcendten Physiognomik“ (Lavater, Von der Physiognomik, S. 4).

Dass eine solche Lehre moralisch fragwürdig und durchaus gesellschaftszersetzend sein könnte, ist keine rein moderne Betrachtungsweise, denn auch schon zu Lavaters Lebzeiten entbrannte eine Debatte rund um die Physiognomik, an der viele Philosophen, Literaten und Naturforscher der Zeit beteiligt waren (Geitner, Klartext, S. 382). An vorderster Front streitend finden wir Georg Christoph Lichtenberg. Im Äußeren deutlich von der Norm abweichend, körperlich entstellt durch zahlreiche Krankheiten (Aschenbach/Joost, Lichtenbergs äußere Erscheinungen), bekämpfte der Universalinteressierte mit seinen Streitschriften Wider die Physiognomen und Fragment von den Schwänzen (1777) Lavater und seine Vorurteile und Intoleranz evozierende Lehre. An dem universalen Anspruch und auch an dem gefährlichen Versuch, alle menschlichen Eigenschaften gewissermaßen in einer simplen Formel zusammenzufassen; an dieser deutlich hervortretenden unreflektierten Vereinfachung nimmt auch Lichtenberg seinen größten Anstoß.

Lichtenberg räumt in seinen verschiedenen Schriften durchaus ein, selbst physiognomische Denkweisen zu pflegen, gibt jedoch zu bedenken, dass diese mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch sein können. Lichtenbergs eigentlicher Anlass Lavater zu antworten ist, wie er selbst einräumt, keinesfalls der eigene wissenschaftliche Anspruch oder die Anmaßung eine besser geeignete Physiognomik ausgearbeitet zu haben, sondern vielmehr die Bedrohung für die Gesellschaft, die laut Lichtenberg von dem Phänomen der Lavaterschen Physiognomik ausginge.

„Denn ob Physiognomik überhaupt, auch in ihrer größten Vollkommenheit, je Menschenliebe befördern werde, ist wenigstens ungewiß: daß aber mächtige, beliebte und dabei tätige Stümper in ihr, der Gesellschaft gefährlich werden können, ist gewiß.“ (Lichtenberg, Schriften und Briefe, Bd. 3, S. 264)

Lichtenberg ist in vielen seiner folgenden Schriften auf der Suche nach einer Art von „besserer“ Physiognomik, welche mehr auf die Verhaltensweisen von Menschen, als auf deren Aussehen Bezug nimmt. Eine erschöpfende Antwort auf die Frage nach dem Zusammenhang von Äußerem und Inneren eines Menschen konnte er zeitlebens trotz seiner Auseinandersetzungen mit der englischen Schauspielkunst und Theaterlandschaft und mit den gesellschaftskritischen Kupferstichen von William Hogarth nicht geben. Doch näherte er sich den Ideen von Philosophen wie Immanuel Kant und einer Wissenschaft, die später einmal Psychologie heißen sollte an. Die Gegnerschaft zur Lavaterschen Physiognomik beschäftigte Lichtenberg  durchgehend. Seine Kritik verstand der Göttinger Professor mit seinem 1777 verfassten Fragment von Schwänzen relativ simpel und polemisch  auszudrücken.

In dieser Satire imitiert er Lavaters emblematischen Stil, wendet die Physiognomik jedoch zunächst auf Tierschwänze und dann auf die Frisuren von Studenten an (Riha, Fragment, S. 27ff.). In  Stil und der Form orientiert sich Lichtenberg ganz an Lavater, oszilliert zwischen schillernder Begeisterung und angewidertem Ekel und macht von göttlich konnotiertem Pathos übermäßig Gebrauch. Es kommt Lichtenberg darauf an, den Inhalt des Originals ins Gegenteil zu verkehren und ad absurdum zu führen. Dies gelingt ihm auf virtuose Weise, indem er grobe logische und wissenschaftliche Fehlschlüsse, die Lavater mit seiner Physiognomik gezogen hat, offenlegt und in ekstatischer Übertreibung nachahmt.

Die Komik dieser gezeichneten und beschriebenen Satire speist sich in erster Linie aus der Diskrepanz zwischen dem banalen Untersuchungssubjekt der Studentenzöpfe und der Imitation und Überzeichnung des wissenschaftlich-transzendenten Stils Lavaters. Dass die Assoziation von Tierschwänzen und Studentenzöpfen durchaus fruchtbar gemacht werden kann und dass die Geschichten und Hintergründe, die Lichtenberg in seiner Satire spannt zwar abwegig, aber dennoch nicht ganz sinnentleert wirken, führt bei einem aufmerksamen reflektierten Leser unweigerlich zu der Erkenntnis, dass Lavater auch glaubwürdiges, jedoch vollkommen an den Haaren herbeigezogenes Wissen anbietet. Eine physognomische Erkenntnis kann, egal wie abwegig, willkürlich oder primitiv sie auch ist, von dem Hörer, der sie hören will, immer geglaubt werden.

Auch Lavaters Grundannahme, die Welt könne wie eine Art Zeichensystem, ähnlich einem Bild oder einem Text auf ihren Schöpfer zurückgeführt werden und dadurch auch mit dem Hintergrund einer bestimmten schöpferischen göttlichen Intention verstanden werden, wird mit dem Fragment von den Schwänzen sehr deutlich in Frage gestellt. Dinge, die in der Welt ähnlich erscheinen, haben oftmals eben nicht denselben Ursprung oder die gleiche Funktion. Dies sieht man in Lichtenbergs Vergleich  besonders gut. Wüssten Sie zum Beispiel mit Sicherheit, was hier studentische Haarpracht und was Schweineschwanz ist?

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Eine Seite aus Lichtenbergs „Fragment von den Schwänzen“ – Welche sind die Schweineschwänze, und welche die „Purschenschwänze“? (Bild: SUB Göttingen)

Obschon die Physiognomik weiterhin Anhänger fand, wendeten sich Gelehrte wie Johann Wolfgang von Goethe oder Immanuel Kant, gerade auch im  Hinblick auf Lichtenbergs Kritik von Lavaters Lehren ab. Goethe suchte, ähnlich wie Lichtenberg, eine andere Form der Lehre vom Äußeren und arbeitete seine eigene Pathognomik aus; die Beurteilung von Verhaltensweisen, Gestik und Mimik stand hier im Zentrum des Rückschlussprozesses und nicht das Aussehen der Personen. Es handelte sich um eine Disziplin, die durchaus als Mitursprung der im 19. Jahrhundert langsam entstehenden Wissenschaft der Psychologie angesehen werden kann.

Lichtenberg ist es vor allem zu verdanken, dass der Diskurs rund um die Physiognomik sich letztlich immer mehr einem vermeintlichen Realitätsbezug verweigerte (Käuser, Physiognomik). Nicht mehr der echte lebende Mensch wurde von Gelehrten und Künstlern, wie Goethe, Schiller und Lessing in den Mittelpunkt der symbolischen Deutungen gerückt, sondern das fiktive, beschriebene oder gemalte Individuum. Die reale Gefahr, die von der Physiognomik als potenziell menschenverachtender und Vorurteile verstärkender Pseudo-Wissenschaft ausgeht, verfolgt den Menschen jedoch bis heute.

Autor: Mahid Hossain

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Quellen- und Literaturverzeichnis

  • Schmölders, Claudia: Das Vorurteil im Leibe. Eine Einführung in die Physiognomik. Berlin 1995.
  • Käuser, Andreas:  Physiognomik und Roman im 18. Jahrhundert. Frankfurt a. M. 1989.
  • Geitner, Ursula: Klartext. Zur Physiognomik Johann Caspar Lavaters, in Geschichte der Physiognomik. Text. Bild. Wissen. Hrsg. v. Rüdiger Campe u. Manfred Schneider. Rombach 1996.
  • Bohde, Daniela: Kunstgeschichte als physiognomische Wissenschaft. Kritik einer Denkfigur der 1920er bis 1940er Jahre, Berlin 2012.
  • Lavater, Johann Caspar: Von der Physiognomik, Hrsg. unbekannt 1991 Frankfurt, S. 4. Online-Link: http://gutenberg.spiegel.de/buch/von-der-physiognomik-752/1
  • Aschenbach, Bernd u. Joost, Ulrich: Lichtenbergs äußere Erscheinungen. Eine kritische Ikonographie, Göttingen 1991.
  • Lichtenberg, Georg Christoph: Schriften und Briefe. Bd.3, hrsg. v. Promies, Wolfgang, Frankfurt 1994. Online-Link: http://gutenberg.spiegel.de/buch/-5741/1
  • Riha, Karl: Zum Fragment von den Schwänzen. Georg Christop Lichtenbergs Beitrag zum Physiognomik-Streit, in Kritik, Satire, Parodie, Opladen 1992.

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