6. Der Bartholomäus-Friedhof

Als der Professor der Georg-August-Universität Göttingen Georg Christoph Lichtenberg am 24. Februar 1799 starb, trauerten viele seiner Studenten um ihn. Zu Lichtenbergs Beerdigung am 28. Februar 1799 erschienen etwa einhundertfünfzig Studenten und fünf Professoren. Die Beliebtheit des ungewöhnlichen Gelehrten bei den Studenten war groß. Noch mehr wären zu der Trauerfeier erschienen, hätten die weiteren Professoren an diesem Tag nicht ihre reguläre Arbeit fortgeführt und Vorlesungen gehalten, wie es der Mathematikstudent Johann Heinrich Moritz von Poppes in seinen Aufzeichnungen vermerkte (Promies, Lichtenberg, Reinbeck 1992, S. 151).

Die Gründung der Reformuniversität Göttingen im Jahr 1734 hatte das Bild der Stadt Göttingen auf vielfältige Weise verändert. Nicht nur die lebenden, auch die toten Göttinger Bürger*innen wurden Teil einer neuen Stadtgeschichte. Im 18. Jahrhundert stand es schlecht um die Göttinger Friedhöfe. Berichte vom Ende des 18. Jahrhunderts und vom Anfang des 19. Jahrhunderts schildern eingesunkene Gräber, knietiefen Schlamm auf Kirchhöfen und zerfallene Friedhofsmauern. Der Universitätskurator Münchhausen ließ daher 1747 einen neuen Friedhof für die Johannis- und die Jakobigemeinde anlegen. Dieser neue Bartholomäusfriedhof vereinte beide Gemeinden auf dem ehemaligen Gelände des St. Bartholomäus-Leprosenhospitals im Norden der Stadt vor dem Weender Tor (Saathoff, Friedhöfe, S. 7 – 16). Er wurde zu Beginn überwiegend als Armenfriedhof genutzt, später erhielten jedoch auch viele bedeutende Gelehrte der Georg-August-Universität und berühmte Bürger der Stadt Göttingen hier eine Grabstätte. Das Familiengrab des Verlegers Ruprecht, die Gräber der Familien Vandenhoeck und Dieterich und das Grab des bekannten Professors Christian Gottlob Heyne seien hier nur als wenige Beispiele genannt. Auch Georg Christoph Lichtenberg liegt gemeinsam mit seiner Frau Margarete auf dem Bartholomäusfriedhof begraben. Nach einem Luftangriff im Zweiten Weltkrieg blieben schwere Schäden an den Grabstätten zurück. Zwar wurde 2005 mit der Sanierung einiger Gräber begonnen, doch viele der Grabsteine sind heute kaum noch zu erkennen.

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Die Gräber Georg Christoph Lichtenbergs und seiner Frau Margarete Lichtenberg auf dem Bartholomäus-Friedhof. (Bild: Privat)

Betrachtet man am Markt in Göttingen die 1992, anlässlich Lichtenbergs 250jährigen Geburtstags, aufgestellte Statue des berühmten Gelehrten, so fällt auf, von welch ungewöhnlicher Statur dieser Mann war. Er war sehr klein und hatte einen Buckel, denn er litt seit seiner Kindheit an einer starken Wirbelsäulenverkrümmung des Rückgrats – eine Krankheit, die sein Leben und Denken prägte. War diese körperliche Eigenart Lichtenbergs bisher (knapp 200 Jahre nach seinem Tod) lediglich durch zeitgenössische Beschreibungen und Abbildungen des Professors überliefert, so sollte dies am 12. Mai des Jahres 1983 unter Beweis gestellt werden. Der Mediziner und Lichtenbergforscher Dr. Horst Gravenkamp hatte 1980 eine Anfrage an die Stadt Göttingen gestellt, das Grab des Physikers öffnen und untersuchen lassen zu dürfen. Die damalige Rezeption und Würdigung des Gelehrten aus dem 18. Jahrhundert entsprachen nicht der heutigen und der Vorwurf der Hypochondrie, dieser Vorwurf sollte nun vollends ausgeräumt werden. Da keine gravierenden Einwände vorlagen und eine finanzielle Unterstützung durch Gravenkamp selbst gegeben war, wurde der Exhumierung stattgegeben und die Grabstätte des Professors am 12. Mai 1983 geöffnet. Neben Überresten, die Frau und Kindern zugeordnet wurden, erkannten Göttinger Anthropologen ein Skelett mit passenden Verkrümmungen und Verwachsungen. Eine absolute Bestätigung der Identität konnte das Institut jedoch nicht zusichern, da dies bei einer Exhumierung dieser Art gemeinhin nicht erreichbar sein könne. Die Hinweise auf die Identität Lichtenbergs schienen jedoch so eindeutig, dass außer den Einwänden von Dr. Gravenkamp kein Anlass zu weiteren Untersuchungen bestand. Die nachträgliche Diagnose des Leidens von Georg Christoph Lichtenberg hätte zu keinen neuen Erkenntnissen führen können. Die Zeugnisse Lichtenbergs selbst, seine privaten, zu Lebzeiten nie veröffentlichten Notizen (die er „Sudelbücher“ nannte) und Briefwechsel geben der Nachwelt einen ausführlichen Einblick in das Leben des Gelehrten, auch unter dem Einfluss seiner Krankheit.

Der Professor Georg Christoph Lichtenberg hätte die Exhumierung wahrscheinlich mit seinem bekannten Humor belächelt, ein paar Zeilen über die Streitigkeiten der Wissenschaftswelt verfasst und vielleicht als Anekdote in dem von ihm herausgegebenen Göttinger Taschen-Calender veröffentlicht. Er selbst schrieb über sich: „An den Tod denkt er sehr oft und nie mit Abscheu, er wünscht daß er an alles mit so vieler Gelassenheit denken könnte, und hofft sein Schöpfer wird dereinst sanft ein Leben von ihm abfordern, von dem er zwar kein allzu ökonomischer, aber doch kein ruchloser Besitzer war.“ (http://www.lichtenberg-gesellschaft.de/leben/l_leb_goe_licht.html).

Im Jahr 2017 gedenkt die Stadt Göttingen des Gelehrten Georg Christoph Lichtenbergs anlässlich seines 275. Geburtstages mit dem Lichtenbergjahr. Viele Veranstaltungen, ein Theaterstück und eine eigene Stadtführung zum Leben und Wirken des Philosophen und Physikers werden angeboten. Die Rezeption Lichtenbergs ist heute weit über die Stadt Göttingen hinaus bekannt, seine Praxis der Experimentalphysik ebnete den Weg vieler weiterer physikalischer Entdeckungen und grundlegende Erkenntnisse des Gelehrten sind bis heute ein wichtiger Bestandteil der Wissenschaft.

Autorin: Wiebke Gitta Hüseman
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Quellen- und Literaturverzeichnis

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